«Die CoP bringt kluge Köpfe aus der Gendermedizin zusammen.»

Die CoP bringt kluge Köpfe aus der Gendermedizin zusammen
© Kathrin Schulthess

Die «Community of Practice» soll Gleichgesinnte zusammenbringen, Expertise bündeln und der Forschung Schub verleihen. Wir haben bei Ben Cislaghi, Mitglied der NFP 83 Leitungsgruppe, nachgefragt, was er persönlich von ihr erwartet.

Ben, wo sehen Sie derzeit die grössten Herausforderungen in der gendermedizinischen Forschung im Allgemeinen?

Das bestehende Gesundheitssystem steht vor mehreren geschlechtsspezifischen Herausforderungen. Historisch gesehen hat die biomedizinische Forschung der Frage, wie sich Behandlungen auf Frauen auswirken, unzureichende Aufmerksamkeit geschenkt, was zu geschlechtsspezifischen Ungleichgewichten geführt hat, und zwar sowohl in Bezug darauf, welche Behandlungen entwickelt werden, als auch wie und für wen. Zusätzlich zu den verzerrten Forschungsstichproben beeinflussen soziale Faktoren stark, ob und wie Menschen unterschiedlicher Geschlechter Zugang zum Gesundheitswesen erhalten. Dies spiegelt internationale Entwicklungen wider, nicht nur den Schweizer Kontext.

Das medizinische System allein ist nicht dafür gerüstet, diese Herausforderungen zu bewältigen und erfordert eine engere Integration mit den Bemühungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, um geschlechtsspezifische Barrieren in der Versorgung abzubauen. Der wachsende Widerstand gegen den Zugang von Frauen zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdiensten ist nur die Spitze des Eisbergs eines Systems, das Gefahr läuft, gegenüber spezifischen Personengruppen zunehmend (und bis zu einem gewissen Grad unbewusst) diskriminierend zu werden. Ein Beispiel hierfür ist die ungelöste Herausforderung, wie ein sicherer Zugang für Menschen mit nicht-heteronormativer Orientierung sowie für trans Personen gewährleistet werden kann.

Was kann die Community of Practice bieten, um diesen Herausforderungen zu begegnen?

Diese Community of Practice versammelt einige der klugsten Köpfe im Bereich der Gendermedizin und -gesundheit des Landes. Ihre Erkenntnisse, gepaart mit ihren Daten und der Verbindung zu ihren Partner:innen sowohl in den Gesundheitssystemen als auch in der aktivistischen Arbeit, können helfen, Herausforderungen zu verstehen und plausible, wenn nicht sogar realistische und effektive Lösungen zu identifizieren, um die Gesundheit aller zu verbessern.

Welche Unterschiede erkennen Sie zwischen einer Community of Practice und traditionellen Austausch- oder Netzwerkformaten?

Eine Community of Practice hat eine gemeinsame Agenda, die durch die individuellen Studienzwecke, für die jede Organisation arbeitet, gestützt wird. Eine CoP zusammenzuführen bedeutet, Organisationen hin zu einer kollektiven Vision und Mission zu führen, ihnen zu helfen zu erkennen, wie diese Vision und Mission implizit in ihrer individuellen Arbeit eingebettet ist, und ihre Ergebnisse und Bemühungen projektübergreifend zu nutzen. Dies geschieht nicht – oder zumindest nicht ausschliesslich – zum Zweck des gegenseitigen Wissensaustauschs, sondern mit der Absicht, eine kollektive Stimme zu schaffen, die lauter ist als die Summe ihrer Teile.

Inwiefern kann eine Community of Practice Ihrer Meinung nach dazu beitragen, nachhaltige Veränderungen in der gendermedizinischen Forschung anzustossen?

Veränderung liegt nicht in der Hand von Akademiker:innen. Sie liegt in den Händen der Menschen und der politischen Entscheidungsträger:innen. Die Verantwortung einer CoP von Akademiker:innen besteht darin, Wege zu finden, wie sie anstelle von akademischen Publikationen leicht zugängliche Informationen bereitstellen können, die Menschen dabei helfen, Handlungswege zu wählen, die zu für sie wichtigen Gesundheitsergebnissen führen. Gleichzeitig soll die CoP klar mit politischen Entscheidungsträger:innen kommunizieren, um die Aufmerksamkeit auf sich abzeichnende Muster in den zahlreichen Studien innerhalb der CoP zu lenken. Während Entscheidungsträger:innen dazu neigen, von Forschung und Empfehlungen so überwältigt zu werden, dass die Ergebnisse einer einzelnen Studie sie nur schwer erreichen, kann die Stimme einer CoP auf der Liste der Prioritäten, die sie berücksichtigen müssen, nach oben rücken.

Warum ist das gegenseitige Lernen zwischen Forschenden, Praktiker:innen und anderen Akteur:innen wichtig?

Akademische Institutionen – und viele der Menschen darin – neigen dazu, eine Art des Wissens zu bevorzugen, die auf datenbasierten kausalen Rückschlüssen beruht. Diese Einseitigkeit zugunsten der dokumentarischen Forschung ist gefährlich. Eine akademische Studie mag mit nahezu absoluter Sicherheit beweisen, dass das Einfüllen von Wasser in den Tank Ihres Autos den Motor zerstören wird. Aber wenn Sie wissen wollen, wie man ihn kosteneffizient repariert, werden Sie wahrscheinlich den Rat eines Mechanikers einholen, nicht den eines Forschenden. Das praxisbezogene und anwendungsorientierte Wissen, das Praktiker:innen einbringen, ist entscheidend, da es die theoretische Arbeit der Akademiker:innen vervollständigt. Tatsächlich gäbe es ohne die Arbeit der Praktiker:innen wenig zu untersuchen und wenig, wofür man Belege für die Wirksamkeit liefern könnte.

Wie kann die NFP 83 Leitungsgruppe den Aufbau der CoP aktiv unterstützen?

Die Leitungsgruppe ist das Bindeglied, das die CoP zusammenhält. Während die einzelnen Organisationen verständlicherweise damit beschäftigt sind, ihre eigenen Studien durchzuführen und sich intensiv damit auseinanderzusetzen, ist die Leitungsgruppe dafür verantwortlich, die übergreifenden Muster und das gegenseitigen Lernen im Blick zu behalten, die aus der kollektiven Analyse der Ergebnisse der einzelnen Studien hervorgehen.

Welche Risiken oder Herausforderungen sehen Sie beim Aufbau einer Community of Practice?

Eine Community of Practice ohne klare Anreize und Vorteile für ihre Mitglieder zu versammeln, ist wie der Versuch, eine Gruppe streunender Katzen dazu zu bringen, ruhig zu sitzen, während sie von Bergen an Futter umgeben sind. Eine CoP, in der die Teilnahme obligatorisch ist, wird nicht lange Bestand haben. Es muss einen klaren Mehrwert geben, der es rechtfertigt, Zeit von der Projektarbeit abzuzweigen, um an den kritischen Gesprächen teilzunehmen, die eine CoP bietet.

Woran würden Sie erkennen, dass die Community of Practice erfolgreich ist?

Eine erfolgreiche CoP ist eine, bei der die Mitglieder regelmässig teilnehmen, neue Ideen einbringen, gemeinschaftliche Projekte übernehmen und schliesslich Ergebnisse produzieren, die über ihre individuelle Arbeit hinausgehen.

Welche Botschaft würden Sie Forschenden und Akteur:innenen mitgeben, die sich in der CoP engagieren?

Sloman und Fernbach zeigen in The Knowledge Illusion (Die Wissensillusion), dass jedes einzelne menschliche Gehirne begrenzt und unvollständig ist und für sich allein nur wenig leisten kann. Als Zivilisation haben wir überlebt und uns weiterentwickelt, weil wir uns auf andere verlassen, um unsere individuellen Wissenslücken zu schliessen. Diese kollektive Intelligenz beschreibt Joseph Henrich in The Secret of Our Success (Das Geheimnis unseres Erfolgs). Eine CoP spiegelt dieses Prinzip wider: Indem wir auf das Potenzial unseres kollektiven Wissens vertrauen, können wir weit mehr erreichen, als jede und jeder Einzelne für sich.

Prof. Dr. Ben Cislaghi, Mitglied der NFP 83 Leitungsgruppe, ist ein internationaler Entwicklungsforscher und -praktiker, spezialisiert auf Geschlechternormen, soziale Gerechtigkeit und gemeinschaftsbasierte Entwicklung. Er ist Associate Professor an der School of Social Work der Makerere-Universität in Uganda und Forschungsstipendiat am IDS (UK, Brighton).